Malerei 2005 - 2009

01.08.2009, Ina Gille, Vorwort zum neuen Katalog

Farbraum - Lebensraum - Existentieller Ort

Die Bilder der Barbara Burck sind unspektakulär, leise. Es scheint, als kämen sie aus einer versunkenen Welt, sich nachdrücklich, mit unverwechselbarer Stimme in die hektische gegenwärtige Kunstszene zu mischen, Ruhe einzufordern. Und man hält inne, sinnt diesen Arbeiten nach, kann sich auf sie einlassen. Es sind Malereien, die von der sinnlichen Möglichkeit der Farbe leben, ihrer Schmiegsamkeit wie Spröde, und von der Überzeugung der Künstlerin, über das Malen die Welt neu finden zu können und damit auch sich selbst in dieser Welt.

2005 begann Barbara Burck mit einer Serie von Bildern, die in den folgenden zwei Jahren auf über vierzig anwachsen sollte. Ein Stipendium hatte sie in eine Künstlerkolonie nach Florida geführt. Fremd in der Neuen Welt, flüchtete sie sich ins Malen, spannte Leinwand für Leinwand auf, ihre Eindrücke festzuhalten. Wieder in ihrem Leipziger Atelier, arbeitete sie an den Bildern weiter, stellte ihnen größere und kleinere zur Seite, sie mit- und gegeneinander wachsen zu lassen. Zu sehen sind Orte, die Ankommen wie Fortgehen gleichermaßen atmen. Das kann die Schalterhalle eines Flughafens sein, ein Bahnhof oder eine Haltestelle. Die Figuren, die diesen Räumen ausgesetzt sind, befinden sich in Grenzsituationen, tauchen kurz auf, verharren, suchen, schauen sich um. Den meisten gelingt es, sich nachdrücklich zu behaupten, Platz zu finden, anzukommen. Aber es gibt auch die, die mit dem Moment ihres Erscheinens ihre Präsenz im Raum schon wieder verlieren, konturlos werden. Insgesamt bleiben es Schwebezustände, die nicht zuletzt im Verschleifen und Spiegeln von Gesten und Körperhaltungen manifest werden.

Zu den ersten Bildern die fertig wurden, gehören Miami Station I und II. Beide Malereien tragen wie in einem Keim alle Möglichkeiten, die die Serie als Ganzes entfaltet, hinterfragt und festschreibt, bereits in sich. Der Bild raum, je ein großer chaotischer Ort, gebannt in eine zwingend magische Ordnung. Spontan hat Barbara Burck erfasst, welche Herausforderung mit der Ankunft in der Neuen Welt auf sie gekommen ist. Diese Malereien zeigen das unverdeckt, quasi mit offenem Visier. Mit ihnen setzt die Künstlerin einen machtvollen Anfang. Sie will etwas Neues schaffen, es wird ihre Ankunft sein, mit allen Unwägbarkeiten. Die Farbe scheint direkt aus der körperlichen Empfindung über die Geste der Hand auf die Fläche gebracht. Der Auftrag ist sinnlich zugreifend, sicher, wie ein Triumph. Nur so kann es sein.

Die diesen Malereien folgenden Bilder sind Variationen und Umschreibungen, und manchmal wie Pflöcke, die Barbara Burck in ihr Werk treibt, das Eroberte festzumachen, ihm Dauer zu geben. Zugleich weitet sie es, dekliniert es auch formal durch. Die Ölfarbe wird geschichtet und wieder weggenommen, erneut aufgetragen.Das aufscheinende, kaum ortbare Licht wird zu einem wichtigen Gestaltungselement. Impressive Malereien sind es dennoch nicht, denn sie konstituieren sich in ihrem Kern über die Farbwerte, durch die die Bildräume vor- und zurückspringen, sich weiten oder engen, Figuren Form bekommen. Gebunden in Grundakkorde, die von tiefstem Nachtblau zu rotvioletten und orangenen Tönen reichen, werden Ort und Zeit der Darstellungen ungreifbar, sich im Ungefähren zu verlieren. Grün- und Gelbtöne können Akzentuierungen setzen, durch die die Szenerien an Schärfe gewinnen, das Ephemere zum Teil wieder aufheben.

Ankommen und Fortwollen, Finden und Verlieren, Suche nach Ordnung und der Drang, dieser zu entkommen. Ein Spannungsfeld, das seit dem Miami-Aufenthalt mehr oder weniger alle Arbeiten der Malerin wie eine Untergrundschwingung durchzieht und ein sehr heutiges Lebensgefühl fasst. Zugleich lässt es Rückschlüsse auf den künstlerischen Prozess des Machens zu, dem Wollen Barbara Burcks, ihren Bildern Struktur und Festigkeit zu geben und ihrem ständigen Zweifel, damit eventuell zu zerstören, was sich doch frei im Raum entfalten soll.

»Ankommen 8«, 2006 , oil on transparent, 13x 20 cmDie gleichzeitig zu der Miami-Serie entstehenden Innenraumdarstellungen zeigen sich intimer, sprechen in verhalteneren Tönen. Abgebildet sind Flure und Gänge, kahle Räume mit weit geöffneten Türen, in denen sich ein oder zwei Figuren aufhalten. Ausgangsort dieser Bilder war der Flur der Wohnung der Künstlerin, in der sich auch ihr Atelier befindet. Im Laufe des Malens hat sich dieser Korridor auf der Leinwand mit Welt aufgefüllt, aus dem Privaten ins Allgemeine zu treten. Auch wenn das Licht in diese Flur-Bilder verführerisch einbricht, bleiben sie merkwürdig spröd und verschlossen. Die sich streng perspektivisch in die Tiefe ziehenden Raumsituationen lassen die Blicke an den wie Sperren offen stehenden Türen stoppen. Die meist einzeln in den Bildern harrenden Frauenfiguren wirken fragil, in ihren Bewegungen angehalten, als könnten sie jeden Augenblick vom umgebenden Raum aufgesogen werden. In der Farbe zurückhaltend, herb, dominieren Braun-Ocker-Töne bis hin zu Orange, häufig mit hellem Blau kontrastiert. Immer wieder vorsichtig übermalt, schichten sich die Farben, lassen Tiefenräume ahnen. Diese Flurbilder haben direkt mit Barbara Burck zu tun, ihrem Dasein als Künstlerin. Eine besondere Form des Selbstbildnisses, bei dem der Bildraum zum psychosozialen Schwingungsraum wird. Entgrenzungen, Tunnelsituationen, Labyrinte des Ich, Gratwanderung zwischen Sein und Verschwinden.

»Türen 1«,2006, oil on tansparent,3 x 20 cmNeben den eher thematisch orientierten Malereien stehen die Landschaften der Künstlerin. Mit ihnen erlaubt sie sich größere Freiheiten, gibt sich dem Erlebten und Gesehenen direkter hin, lässt es ein in sich, es angefüllt mit dem eigenen Blick wieder auf die Leinwände zu entlassen. Farbe und Licht brechen aus inhaltlichem Wollen aus, werden Teil eines Spiels, sind neue Herausforderung. Frühling und Herbst im Leipziger Umland. Park, Fluss und Aulandschaft fließen zu einem sinnlichen Erlebnis zusammen, das Sichtbare zu fassen und zu feiern. Als einstige Heisigschülerin hat sich Barbara Burck das malerische Rüstzeug dafür längst erworben, hier spielt sie es virtuos aus. Ihre Landschaften sind im Atelier gemalt, aus der Erinnerung heraus, nach mit der Kamera festgehaltenen Motiven. Im Verlauf des Arbeitens wird diese fotografische Struktur zurückgedrängt, quasi ver-malt, wieder zum Erlebnis vor Ort vorzudringen. Die oft wie hingetuscht wirkenden Malereien voll Charme und Leichtigkeit fließen der Künstlerin dennoch nicht einfach so aus der Hand. Sie sind mehrmals übermalt und korrigiert, haben wie alle ihre Bilder oft Wochen des Suchens und Zögerns hinter sich, ehe sich der Blick in die Tiefe findet, der Bildraum sich öffnet, das Gemalte zu atmen beginnt. Dennoch oder gerade deshalb leben sie aus dem Augenblick heraus, weiten sich zu Farberlebnissen, bei denen Impressives und Expressives im Gleichgewicht bleiben. Sie spre- chen von dunklen Ästen entlaubter Bäume, spät blühenden Novemberrosen, hellen Wasserflächen, sich in ihnen spiegelnden Büschen und Bäumen, von Wegen und schwingenden Weiten. Malereien zum Wandern mit den Augen, die Flächen abzusuchen, z.B. den einen mit Menschen beladenen Kahn im versteckt aufblühenden Farbstrudel zu finden oder das in Violett- und Blautönen eingefangene graue Haus auf sich wirken zu lassen. Immer wieder flirrende Atmosphäre, Sehnsuchtsräume, romantische Kodierungen, so dass die Land- schaft zum Schwingungsraum seelischer Zustände werden kann. Ab und an schattieren auch melancholische Stimmungen die Motive, wie auf den Bildern der Bahnhofsvorplätze. Am Horizont verschwindet das Licht, eine einzelne Figur steht verloren zwischen den Häusern, schon greifbar die Nacht, lagert in allem noch Helle. Hier ist das Ungefähre wieder zu fühlen, das Diffuse, Zeitlose, das zugleich Vergänglichkeit meint.